Arm trotz Arbeit: Teilzeit, Atypische Beschäftigung und Niedriglöhne

Atypisch Beschäftigte – also Teilzeit, befristet oder geringfügig Beschäftigte bzw. Leih- und ZeitarbeiterInnen – verdienten 2006 um fast ein Viertel – nämlich um 23,2 % weniger als „normale“ Vollzeitbeschäftigte (nämlich durchschnittlich Euro 9,45/Stunde brutto statt 12,30). Wie verhält es sich nun mit atypischer Beschäftigung und Niedriglöhnen? Atypisch Beschäftigte sind deutlich stärker von Niedriglöhnen betroffen als Personen mit dauerhafter Beschäftigung auf Vollzeitbasis.

  • 2006 lagen 27 % aller atypisch Beschäftigten unter der Niedriglohnschwelle von Euroe 7,65 brutto/Stunde (Beschäftigte mit Normalarbeitsverhältnis: 8,7 %)
  • 18,2 % der Frauen mit Normalarbeitsverhältnis und 29,7 % der atypisch beschäftigten Frauen arbeiteten im Niedriglohnbereich (Männer atypisch: 20,7 %, Männer „normal“: 5,1 %)
  • Aufgeschlüsselt nach atypischen Verhältnissen lag knapp die Hälfte – nämlich 49,4 % – der geringfügig Beschäftigten unter der Niedriglohngrenze, 27 % der Befristeteten, 23,6 % der Teilzeitbeschäftigten allerdings „nur“ 10,2 % der männlich dominierten Leih- und Zeitarbeitskräfte.
  • 44,3 % der atypisch Beschäftigten mit maximal Pflichtschulabschluss, 25,3 % jener mit Lehrabschluss und 20 % der Atypischen mit BMS-Abschuss zählten zu den Niedriglohnbeschäftigten. Auffallend ist der mit 28,8 % relativ hohe Anteil atypisch Beschäftigter mit AHS-Abschluss im Niedriglohnbereich. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen waren 61 % der AHS-AbsolventInnen (27,1 % der BHS-AbsolventInnen) atypisch beschäftigt. Der überraschend hohe Anteil von jungen AHS-AbsolventInnen in Niedriglohn- und atypischen Bereich ist allerdings vor allem auf eine entlohnte Nebenbeschäftigung im Rahmen des Studiums zurückzuführen.

Bezogen auf die Zusammensetzung der Niedriglohnbeschäftigten ist die Gruppe der Beschäftigten in einem Vollzeit-Normalarbeitsverhältnis allerdings mit 43,5 % die größte, es folgen die Teilzeitbeschäftigten mit 29,2 %, die befristet Beschäftigten mit 8,6 % die Geringfügigen mit 16,7 % und schließlich die Leih- und ZeitarbeiterInnen mit 2 %.

Entwicklung der Niedriglohnbeschäftigung und „working poor“ …

Lag der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich im Jahr 2002 noch bei 13,3 %, ist dieser bis 2006 geringfügig um ein Prozent gestiegen. Der Anstieg betraf – mit Ausnahme der Sachgütererzeugung – alle beobachteten Wirtschaftsbereich, die höchste Steigerung erfolgte mit 2,5 % im Beherbergungs- und Gaststättenwesen. Die Zunahme der Niedriglohnbeschäftigten betraf dabei vor allem befristet und geringfügig Beschäftigte.

Dass „Armut trotz Arbeit“ steigt ergeben auch veröffentlichte Zahlen der AK Oberösterreich im Rahmen des Arbeitsklimaindex:

  • die Zahl der „working poor“, also die Zahl der ArbeitnehmerInnen, deren Einkommen nicht mehr zur finanziellen Bewältigung des Alltags reicht, ist seit dem Jahr 2000 von 256.000 aus 2008 350.000 Personen, bzw. von 8 % auf 10 % der Beschäftigten gestiegen.
  • Im gleichen Zeitraum ist der Anteil jener, die sagen, sie könnten von ihrem Einkommen gut leben, von 55 auf 50 % gefallen.
  • Für 12 % der Frauen, aber nur 7 % der Männer reicht das Einkommen nicht mehr zur Deckung der Lebensbedürfnisse aus. 42 % der Frauen sagen, sie kämen mit ihrem Lohn nur knapp aus.
  • Die größte Armutsgefahr besteht bei ArbeiterInnen (15 %), freien DienstnehmerInnen (12 %) und Beschäftigten mit Migrationshintergrund (15 %).

immer unsichere Beschäftigungsverhältnisse

852.180 Menschen (Quelle AMS) in Österreich waren im Jahr 2009 zumindest ein mal arbeitslos – bei 3,372 Millionen ArbeiterInnen und Angestellten Beschäftigungsverhältnisse, Erwerbsverläufe, Erwerbskarrieren werden also immer „unsicherer“, immer weniger „durchgängig“. Interessant ist in diesem Zusammenhang die durchschnittliche Zahl der Versicherungstage eines/einer unselbständig Beschäftigten im Jahr. Diese Zahl gibt Auskunft darüber, über wie viele Tage im Jahr ein versicherungspflichtiges Erwerbsarbeitsverhältnis – als ArbeiterIn oder Angestellte/r – vorgelegen ist, über wie viele Tage also ein Erwerbseinkommen in Form von Lohn oder Gehalt bezogen worden (also inklusive Urlaubstage, Feiertage etc.):

  • Im Jahr 2009 lag die Zahl der durchschnittlichen Versicherungstage pro ArbeitnehmerIn (ArbeiterInnen und Angestellte) bei 293 Tagen (Männer 295, Frauen 291). Rund 70 Tage bestand also kein versicherungspflichtiges Erwerbsarbeitsverhältnis, wurde kein Einkommen in Form von Löhnen oder Gehältern bezogen.
  • Ziemlich dramatisch stellt sich die Situation bei den ArbeiterInnen dar: Hier lag die Zahl der durchschnittlichen Versicherungstage bei 272 Tagen (Angestellte: 310 Tage). Arbeiter waren dabei 279 Tage beschäftigt (Männliche Angestellte: 315 Tage), Arbeiterinnen allerdings nur 259 Tage/Jahr (weibliche Angestellte: 306 Tage)!

Wenn Arbeiter gerade einmal über ein dreiviertel Jahr ein ohnehin nicht besonders hohes Erwerbseinkommen beziehen, Arbeiterinnen über einen noch kürzeren Zeitraum noch weniger an Erwerbseinkommen verwundert das Phänomen „Arm trotz Arbeit“ nicht weiter.

Literaturhinweis: Tamara Geisberger/Käthe Knittler: „Niedriglöhne und atypische Beschäftigung in Österreich“, in „Statistische Nachrichten 6/2010“

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