Arbeitszeiten in der Krise

Wieviel arbeiteten Österreichs ArbeitnehmerInnen in Zeiten der Krise? Ging die durchschnittlich geleistete Arbeitszeit aufgrund weniger Überstunden zurück – wie wohl angesichts der Produktionseinbrüche in der Industrie zu erwarten gewesen wäre? Oder sind Österreichs ArbeitnehmerInnen selbst in der Krise hinsichtlich der Länge ihrer Arbeitszeiten traurige „EU-Spitze“ geblieben?

Ein Blick in die Statistik kann Aufschluss darüber geben. Die Statistik Austria hat einmal mehr die durchschnittlich in Österreich gerarbeitete Arbeitszeit erhoben. Ein Ergebnis gleich vorneweg: wer gemeint hätte, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise die Zahl erbrachter Über- und Mehrstunden deutlich eingebrochen wäre, der/die irrt.

Arbeitszeiten in Österreich
  • Die durchschnittliche wöchentliche Normalarbeitszeit (alle Erwerbstätige – Selbständige und Unselbständige) in Österreich lag im Jahr 2010 bei 37,9 Stunden (Männer: 42,2 Stunden, Frauen: 32,8 Stunden) und damit geringfügig unter jener des Krisenjahres 2009 mit 38,2 Stunden (Männer: 42,5, Frauen: 33,1).
  • Verglichen mit dem Jahr 2008 – also dem letzten Jahr der „Vorkrisen“-Ära ging die durschnittlich gearbeitete Wochenarbeitszeit bis 2010 leicht um 0,7 Arbeitsstunden (2008: 38,6 Wochenstunden) zurück (Männer 2008: 42,8 Wochenstunden, Frauen: 33,5 Wochenstunden).

Für GewerkschafterInnen natürlich besonders interessant: die Arbeitszeiten der unselbständig Erwerbstätigen, also der ArbeitnehmerInnen:

2008 lag die durchschnittliche Arbeitszeit von ArbeitnehmerInnen bei 37,4 Wochenstunden (Männer: 41,4, Frauen: 32,7)

  • Das Krisenjahr 2009 brachte durchschnittliche Arbeitszeiten von 37 Wochenstunden (Männer: 41,1, Frauen: 32,4). Verglichen mit dem Jahr 2008 blieben die Arbeitszeiten – im Verhältnis zur Schwere der Krise, die massive Einbrüche in die industrielle Produktion und einen Rückgang des BIP im Ausmaß von knapp über 3 % mit sich brachte – also doch verhältnismäßig konstant.
  • Im Jahr 2010 – dem Jahr der wirtschaftlichen Erholung – belief sich die durchschnittliche Arbeitszeit auf 36,9 Wochenstunden (Männer: 40,9, Frauen: 32,2), ging also noch einmal geringfügig zurück.
  • Annähernd gleich – und zwar gleich hoch – blieb dagegen die durchschnittliche Arbeitszeit bei Vollzeit erwerbstätigen ArbeitnehmerInnen (ab 36 Wochenstunden): Lag die durchschnittliche Arbeitszeit 2008 bei 42,5 Wochenstunden (Männer: 43,1, Frauen: 41,4), sank diese im Krisenjahr 2009 nur geringfügig auf 42,3 Stunden (Männer: 42,9, Frauen: 41,3), und blieb 2010 ziemlich konstant bei 42,2 Stunden/Woche (Männer: 42,7, Frauen: 41,3).

Der leichte Rückgang der durchschnittlich geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit ist dabei nicht nur den krisenbedingten Produktionsrückgängen geschuldet: von 2008 bis 2010 gingen zahlreiche Vollzeitarbeitsplätze verloren, während der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen ArbeitnehmerInnen noch einmal deutlich stieg:

  • so nahm im Jahresdurchschnitt 2010 bei den Erwerbstätigen insgesamt die Vollzeitbeschäftigung gegenüber 2009 um 8.700 Personen ab, während die Teilzeitbeschäftigung um 27.500 Personen anstieg.
  • Bei den unselbständig Erwerbstätigen nahm die Zahl der Teilzeitbeschäftigten von 2008 auf 2009 um 46.900 Personen, von 2009 auf 2010 um 15.900 Personen zu. Insgesamt stieg der Anteil der teilzeit Beschäftigten von 23,2 % (2008) auf 25,0 % (2010) aller unselbständig Beschäftigten (882.100 Personen, davon 746.400 Frauen, d.s. 84,6 %).
  • In den selben Zeiträumen ging die Zahl der Vollzeit beschäftigten ArbeiterInnen und Angestellten von 2008 auf 2009 um fast 42.000 Personen, von 2009 auf 2010 noch einmal um 15.300 Personen zurück.
Über- und Mehrstunden bleiben auch in Krisenzeiten hoch

Wurden auch Vollzeitarbeitsplätze im Zuge der Krise – inwieweit dieser Abbau tatsächlich unmittelbar Folge der Krise war oder die Krise nicht als willkommener Anlass herangezogen wurde, um den Beschäftigtenstand entsprechend herunterzufahren ist umstritten – abgebaut, blieb die Zahl der geleisteten Über- und Mehrstunden selbst in Krisenzeiten verhältnismäßig hoch:

  • Lag die Zahl der regelmäßig Über(Mehr-)stundenleistenden 2008 mit knapp 800.000 ArbeitnehmerInnen bei 23,1 % aller Unselbständigen, ging diese Zahl 2009 auf 731.900 (21,1 %), 2010 nur leicht auf 731.400 (21,1 %) zurück.
  • Im Krisenjahr 2009 erbrachten dabei 254.000 ArbeitnehmerInnen Überstunden im Ausmaß von über 10 Stunden/Woche. Interessanterweise ging diese Zahl ausgerechnet 2010, im Jahr der wirtschaftlichen „Erhohlung“ auf knapp 242.000 zurück.
  • 2008 wurden noch von jedem/r ArbeitnehmerIn durschnittlich (unabhängig davon, ob diese/r tatsächlich Über(Mehr)stunden erbrachte oder nicht) 2 Über(Mehr)stunden wöchentlich geleistet, 2009 und 2010 dagegen „nur“ noch 1,7 Wochenstunden.
  • Ziemlich konstant blieb dabei allerdings die Anzahl durchschnittlich erbrachter Über(Mehr)stunden jener ArbeitnehmerInnen, die tatsächlich Über(Mehr)stunden leisteten: Erbrachte diese ArbeitnehmerInnengruppe 2008 durchschnittlich 8,5 Über(Mehr)stunden/wöchentlich, ging diese Zahl 2009 nur geringfügig auf 8,2 Stunden zurück und blieb mit 8,1 Stunden 2010 annähernd stabil.

Interessant die Entwicklung der bezahlten bzw. als Freizeit abgegoltenen Überstunden (viele Überstunden werden ja tatsächlich unentgeltlich erbracht!): diese stiegen geringfügig von 6 Stunden 2008 auf 6,2 Stunden 2009 und 2010. Das bedeutet umgekehrt, dass 2008 ein Viertel aller Über(Mehr)Stunden ohne entsprechende Bezahlung blieb!

Arbeitszeiten in Europa – Österreich bleibt traurige Spitze

Festgehalten werden kann jedenfalls: lagen die Arbeitszeiten österreichischer ArbeitnehmerInnen schon vor der Krise im europäischen Spitzenfeld – Österreich belegte regelmäßig hinter Großbritannien Platz 2, was die Länge der Arbeitszeiten betraf – hat sich das auch in Zeiten der Krise und danach kaum geändert.

  • Lagen die durchschnittlichen Arbeitszeiten Vollzeit beschäftigter ArbeitnehmerInnen in der EU-27 im Krisenjahr 2009 bei durchschnittlich 40,4 Wochenstunden (Männer: 41,2, Frauen 39,3) und weichen die von eurostat veröffentlichten Zahlen auch knapp von jenen der Statistik Austria ab: Österreichs ArbeitnehmerInnen arbeiten deutlich länger als der EU-Schnitt. Nach eurostat arbeiteten Vollzeit beschäftigte ÖsterreicherInnen 42,1 Wochenstunden, Männer dabei 42,7, Frauen 41 Wochenstunden. Das ist einmal mehr Platz 2 hinter Großbritannien. (Quelle: European Union Labour Fource Survey – Annual Results 2009)
  • Und 2010 schaut’s auch nicht wesentlich anders aus: EU-27, 40,4 Wochenstunden (Männer: 41,1, Frauen: 39,3), Österreich 42 Stunden/Woche (Männer: 42,5, Frauen 40,9). Wiederum: Platz 2 hinter Grossbritannien. (Quelle: European Union Labour Fource Survey – Annual Results 2010)

Lange, ausufernde Arbeitszeiten gehen auf Kosten von Gesundheit, Freizeit, Erholung, soziale Kontakte und Beschäftigung. Lange Arbeitszeiten gehen zu Lasten von Lebensqualität, sie „rauben“ regelrecht Leben.

Arbeitszeitverkürzung erkämpft nicht nur Zeit für „Leben“, Erholung, soziale Kontakte zurück, sondern stellt auch die gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, von Einkommen, Wohlstand, Chancen und gesellschaftlicher Teilhabe sicher.

In diesem Sinne muss der Kampf um eine umfassende Arbeitszeitverkürzung ganz oben auf der politischen Agenda der Gewerkschaften bleiben.

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