Österreich: Top-Platz bei überlangen Arbeitszeiten in der EU

Interessanter OECD-Ländervergleich: In welchen Ländern arbeiten ArbeitnehmerInnen besonders lang – also 60 h oder sogar mehr je Woche? Wenig überraschend: in Ländern der südlichen Hemisphäre bzw. sog. „Schwellenländern“ arbeiten viele ArbeitnehmerInnen 60 Stunden und mehr wöchentlich. Spitzenreiter sind die Türkei mit 23.3 % der ArbeitnehmerInnen und Südkorea mit 22,6 %. Im OECD-Schnitt sind es 5,9 %. Und wie sieht’s in den „alten“ Industriestaaten aus? Da sorgt der Ländervergleich durchaus mit Überraschungen. Denn u.a. Österreich nimmt einmal mehr einen Spitzenplatz bei (über)langen Arbeitszeiten in Europa ein.

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Massive Arbeitszeitausweitung in Griechenland …

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Da fällt zuallererst Griechenland auf. Hier wurden ja im Zuge der „Krisenbekämpfung“ massive Einschnitte in Arbeitsrechte, Tarifverträge und Arbeitszeitregelungen getätigt, um das Land wieder „wettbewerbsfähig“ zu machen. U.a. wurde etwa – wie auch in Österreich von schwarz-blau geplant – die betriebliche Ebene bei der Ausverhandlung von Arbeitszeitregelungen gestärkt, Gewerkschaften und Kollektivverträge dagegen geschwächt. Die Folgen: 11,2 % (!) aller ArbeitnehmerInnen arbeiten in Griechenland inzwischen 60 Stunden/Woche und mehr. In keinem Land Europas arbeiten annähernd so viele ArbeitnehmerInnen so lang.

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… und auch Österreich nimmt EU-Spitzenplatz ein

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Und Österreich? Österreich gilt als eines jener Länder der EU mit den längsten Wochenarbeitszeiten bei Vollzeitbeschäftigten. Und auch die OECD bestätigt diesen Spitzenplatz. In Österreich arbeiten 4,9 % der ArbeitnehmerInnen – also jede/r zwanzigste – 60 Stunden und mehr in der Woche. Österreich liegt damit gleichauf mit Frankreich und wird nur von „alten“ EU-Staaten wie Belgien und Großbritannien überholt – ein Staat der für sein besonders schwach ausgebildetes Arbeitsrecht bekannt ist. Knapp hinter Österreich folgen die ehemaligen Krisenländer Portugal (4,7 % der AN) und Irland (4,5 %). In mit Österreich besser vergleichbaren EU-Ländern arbeiten dagegen deutlich weniger unselbständig Beschäftigte 60 Stunden und mehr wöchentlich: in Deutschland sie es etwa 3,3 %, in Finnland 2,8 %, in den Niederlanden 2,6 % aller ArbeitnehmerInnen.
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In jenen Ländern, die von neoliberalen bzw. neokonservativen PolitikerInnen so gerne als in Sachen Arbeitszeiten besonders flexible Vorbildländer gehandelt werden ist die Zahl jener ArbeitnehmerInnen, die überlange Arbeitszeiten leisten (müssen), noch geringer: in Dänemark arbeiten gerade einmal 2,4 % der ArbeitnehmerInnen 60 Stunden und mehr, in Schweden überhaupt nur 1,9 %. Ausserhalb der EU liegen auch die Schweiz (1,9 %) und Norwegen (1,8 %) deutlich hinter Österreich.

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Österreich – flexibel wie kaum ein anderes Land

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Einmal mehr zeigt sich, wie flexibel und vor allem auch wie lang heute schon in Österreich gearbeitet wird und gearbeitet kann. Der von FPÖ, ÖVP, Neos und Industrie behauptete dringende Handlungsbedarf bei der Flexibilisierung – sprich Ausweitung – der täglichen und wöchentlichen (Höchst-)Arbeitszeiten um wettbewerbsfähig zu bleiben und den Unternehmen mehr Flexibilität zu erlauben, ist weniger den Fakten geschuldet, als vielmehr neoliberalen Ideologiemustern. Was es daher mit Sicherheit nicht braucht: die Erleichterung von Möglichkeiten tägliche und wöchentlichen Höchstarbeitszeiten auf 12-h bzw. 60-h auszuweiten. Vielmehr braucht es endlich Schritte in Richtung Arbeitszeitverkürzung und arbeitnehmerInnenorientierter Arbeitszeitflexibilisierung um die Arbeitswelt zu humanisieren, Arbeitszeiten näher an Bedarfs- und Lebenslagen der ArbeitnehmerInnen zu gestalten und Arbeit gerechter zu verteilen.

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