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Der Staat: ein Stück Scheiße. No borders now!

„Der Staat war immer schon ein Stück Scheiße“, so Antonio Negri. Was der italienische Bestseller-Autor, Philosoph und Gesellschaftstheoretiker da sagt, bringt die Sache in etwa auf den Punkt. Man muss hinzufügen: er wird, solange er existiert, auch nichts anderes sein, der Staat.

Szene 1.

Ich fahre mit dem Zug von Deutschland ins „Lei-aans-Land“, i. e. Kärnten, heim. (Ich bin hier ansässig.) Es ist halb Fünf in der Früh. Nette Herren in Jeansjacken und mit legeren Käppis durchstreifen das Abteil. Leute werden aufgefordert, ihre Ausweise zu zeigen. Achja, der Staat.

Seltsamerweise werden zwei Arten von Leuten aufgefordert: junge Leute wie ich, die eine Kapuze halb ins Gesicht gezogen haben (es ist halb Fünf); und Leute, die nicht weiß sind, sondern schwarz. (Eine statistische Untersuchung habe ich nicht gemacht, jedenfalls bleiben seriös aus der Wäsche guckende Aktentaschenträger, die weiß und ohne Kapuze sind, unbehelligt.)

Junge Leute wie ich, die, wie dem Grenzaufseher gerade einfällt, ja in Villach zugestiegen sind, bleiben letztlich dennoch unbehelligt. Junge Leute mit Kapuze, die zwar auch in Villach zugestiegen sind, aber ohne dass der Grenzaufseher das mitbekommen hat, müssen freilich einen Ausweis zücken.

Der junge Typ mir vis-á-vis zückt also den Ausweis. Der Beamte tut einen Blick, hämmert in seinen Laptop (der bürokratische Teil der Menschenhatz wirkt heute klinisch wie eh und je) und wird plötzlich milde.

Papa Staat erkennt seinen Buam: „Ah, sie sind ja Österreicher… Lächeln, man beruhigt… und, entschuldigend: „Es hätt ja sein können, dass sie Deutscher sind.“ Achja, der Staat. Nicht Mensch, Österreicher muss man sein.

Schräg mir gegenüber liegt schlafend ein Mann mit nicht weißer, sondern schwarzer Hautfarbe. Es war nicht schwer zu erraten, dass der Trupp Grenzaufseher ihn zum Ausweis bitten wird. Doch der Mann ist Italiener.

Aber soviele schwarze Italiener kann es gar nicht geben, ein paar Leute schleppen die Aufseher letztendlich ab. Touristen, wie es aussieht, sehr italienisch noch dazu, aber wer weiß… Die Grenzaufseher traben beflissen vorne und hinter ihnen her, die bald werden erklären müssen, warum sie keinen Ausweis bei sich tragen oder weiß der Teufel.

„Wie armselig der Kapitalismus ist“, denke ich bei mir.

Szene 2.

Die Universität Klagenfurt lädt immer wieder einmal Professorinnen und Professoren aus dem so genannten Ausland ein. Darunter sind auch Leute aus New York. Unter den Leuten von New York gibt es nicht nur solche mit weißer, sondern auch welche mit schwarzer Hautfarbe.

So also kommt vor 2 Tagen ein Professor aus New York in Klagenfurt an. Seine Hautfarbe ist schwarz. Man wollte den Professor nicht überhaupt von der Reise nach Kärnten abschrecken, indem man ihm die Lage hier erklärt, wonach für die meisten Leute weißhäutige Leute gut, schwarzhäutige Menschen aber mindestens verdächtig sind. Dennoch will man ihn nun bitten, so rasch wie möglich die Abteilung zu informieren, die seinen Aufenthalt organisiert, sollte etwas „gefährlich Rassistisches“ passieren. Der Rassismus ist allgemein, das ist dem Eingeladenen wohl bekannt, aber wo er gefährlich wird, ist eine Unterschätzung umso gefährlicher.

Das Mail mit der frohen Botschaft an den Gast, er möge die Organisation sofort benachrichtigen, wenn etwas passiert, ist unterwegs, der Gast hat sein Haus jedoch bereits verlassen.

Er spaziert nämlich gerade den Lendkanal entlang, zu seinem zweiten Tag an der Universität. Da sieht er eine junge Frau hektisch an ihrem Handy nesteln. Ob er ihr helfen kann, will er signalisieren. Die Frau erschrickt, was wiederum den Gast erschrickt. Der Gast will die Frau beruhigen resp. signalisieren, dass kein Grund zur Panik besteht. Das versetzt die Frau erst recht in Panik, die nun meint, der Gast will ihr die Handtasche klauen.

Im Nu sind die beiden von ein paar Leuten umstellt. Der Gast spricht perfekt Englisch, nur leider kein Deutsch. Die Umstellenden sprechen perfekt Kärntnerisch, nur leider kein Englisch. Eine gemeinsame Sprache kann nicht gefunden werden, linguistisch ebenso wenig wie emotionell.

Ein Bub kommt vorbei, der Englisch spricht. Der Gast erklärt mit seiner Hilfe, dass er ein Universitätsprofessor auf dem Weg zur Uni ist, und kein Taschendieb. Die Umstellenden gehen wieder ihrer Wege.

Szene 3.

Während der Fußball-EM, am 12. Juni 2008, geht ein Heim für AsylwerberInnen in Flammen auf. Das Heim, dassteht in Klagenfurt. Der Verdacht der Brandstiftung liegt nahe. Doch die Behörden stellen fest: Brandstiftung liege nicht vor.

Es ist ein Toter zu beklagen, 19 im Heim Lebende werden verletzt.

Ende 2008 schon wurde praktisch klar, dass es sich sehr wahrscheinlich um Brandstiftung gehandelt hat: Infos dazu gibt es hier und hier. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt spricht von „dringendem Verdacht“, dass der Brand gelegt worden sei. „Mit ziemlicher Sicherheit sei auch ein Brandbeschleuniger verwendet worden“, berichtete der Standard.

Was daraufhin geschehen ist? Wurde recherchiert, ob die Behörden diese Information bewusst zurückgehalten haben? Wurde recherchiert, ob es politische Einflussnahmen auf den Verlauf der Untersuchung der Brandursachen gab? Gibt es eine öffentliche Debatte über den Umstand, dass man in Klagenfurt mit ziemlicher Sicherheit ermordet werden kann, weil man keine weiße Hautfarbe hat, um Asyl ansucht oder sonst irgendeinem gefährlichen Idioten nicht in den Kram passt?

Weit gefehlt.

Der Staat, ein Stück Scheiße, meint Antonio.