Es bleibt nichts übrig

Ein neuer Begriff macht die Runde. Zu Recht. Die so genannte gefühlte Inflation zeigt viel besser als der übliche Verbraucherpreisindex die Steigerung der Kosten des täglichen Lebens.

Die offiziellen Statistiken in Österreich und in der EU zeigen nur einen speziellen Aspekt der Inflation und dienen vor allem als Indikator für die Geldmengensteuerung der Europäischen Zentralbank. Dieser errechnete Verbraucherpreisindex oder der für die Euro-Währungsunion berechnete „Harmonisierte Verbraucherpreisindex“ gehen daher an der Lebenswelt der Bevölkerung vorbei.

„Gefühlte“ Inflation

Nun hat ein Wirtschaftswissenschafter versucht, die „gefühlte“ Inflation zu berechnen – um die tatsächliche Preissteigerung darzustellen. Wolfgang Brachinger (Leiter des Forschungszentrum für Wirtschaftsstatistik der Schweizer Universität Fribourg) berechnete die „gefühlte“ Inflation für Deutschland. Auf Grund der gleichen Wirtschafts- und Preispolitik ist ein Vergleich mit Österreich angebracht und nachvollziehbar. Brachinger:

Beim amtlichen Verbraucherpreisindex wird angenommen, dass man täglich ein bisschen Fernseher oder ein bisschen Auto kauft – das ist unrealistisch.“ (Profil 07/08).

Für ArbeitnehmerInnen und ihre Familien sind die Preise beziehungsweise Preissteigerung für jene Waren und Dienstleistungen entscheidend, die ständig oder regelmäßig gekauft werden (müssen).

Ein bisschen Neuwagen

Die Inflation ist ein abstraktes Phänomen, das erst in der subjektiven Betroffenheit Gestalt annimmt. Wenn die amtlichen Statistik-Behörden den Verbraucherpreisindex berechnen, greifen sie laut Brachinger zu einem Trick:

Sie tun so, als ob die Verbraucher alle Produkte gleichzeitig konsumieren. Den Käufer interessiert aber vor allem die Teuerung bei den Gütern, die er häufig kauft. Der Unterschied wird deutlich, wenn man langlebige Konsumgüter wie Autos und Computer betrachtet. Die belasten mein Budget erheblich, aber ich kaufe nicht jeden Tag ein bisschen Neuwagen oder ein bisschen Computer. Butter und Milch werden dagegen häufig gekauft, fallen aber für die Amtsstatistiker nicht so ins Gewicht. Sie messen also etwas anderes als das, was den Käufer interessiert.“ (Standard, 18. Jänner 2008).

Sechs Prozent über der offiziellen Inflation

Somit errechnete Brachinger eine „gefühlte“ Inflation für Deutschland in der Höhe von 8,8 Prozent. Sechs Prozent über der offiziellen Inflation!

In Österreich dürfte der Unterschied zwischen gefühlter und gemessener Inflation derzeit ähnlich hoch liegen wie in Deutschland, da in beiden Ländern vor allem kaufhäufige Güter teurer wurden,

so Brachinger (Profil 07/08).

Der offizielle Verbraucherpreisindex verwendet Ausgabengewichte bei der Berechnung, während die Berechnung der gefühlten Inflation sich nach der Kaufhäufigkeit richtet.
Das heißt:
Für die gefühlte Inflation sind dann Güter wichtig, wenn sie oft gekauft werden (müssen), für den Verbraucherpreisindex, wenn diese Güter teuer sind. Die gefühlte Inflation oder der von Brachinger so genannte Index der wahrgenommenen Inflation liegt also derzeit weit über dem „Harmonisierten Verbraucherpreisindex“.

Halbe Wahrheit

Die Statistik Austria versucht, sich mit speziellen Preisindizes dem Phänomen der gefühlten – also real spürbaren – Inflation zu nähern. Es gibt bei der Statistik Austria den so genannten Mikrowarenkorb, der den täglichen Einkauf mit 20 Gütern abbilden soll, und den so genannten Miniwarenkorb für eine Woche an Gütern und Dienstleistungen des täglichen Lebens. Und diese Indizes liegen wenig überraschend höher als der übliche Verbraucherpreisindex.

Diese Berechnungen sind aber eben nur die halbe Wahrheit, weil diese auf der gleichen Berechnungsart wie der Verbraucherpreisindex beruhen und nur einen statistischen Durchschnitt von bestimmten Warengruppen darstellen. Die Warenkörbe werden zudem nur in längeren Abständen (zum Beispiel fünf Jahre) evaluiert.

Soziale Aspekte

Aber auch mit der Berechnung der gefühlten Inflation, die Ende des Jahres fast neun Prozent in Deutschland betragen hat, ist noch nicht der soziale Aspekt behandelt. Denn es sind gerade jene Güter und Dienstleistungen rasant angestiegen, die bei einkommensmässig durchschnittlichen Haushalten stark ins Gewicht fallen und denen auch niemand ausweichen kann:

  • Wohnen,
  • Energie (Strom, Heizöl, Gas),
  • Lebensmittel,
  • Gesundheit (Arzt- und Spitalskosten, Medikamente, private Krankenversicherung, Selbstbehalte),
  • Erziehung und Unterricht,
  • Verkehrsmittel …

Familien mit niedrigen Einkommen, AlleinerzieherInnen, Familien mit mehreren Kindern, Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld-BezieherInnen oder andere Personen mit geringem Einkommen sind stärker betroffen – denn diese Ausgaben machen bei sinkendem Einkommen einen immer größeren Anteil am gesamten Einkommen aus.
Nachdem seit Jahren die Löhne/Gehälter und die Pensionen gegenüber der gefühlten Inflation zurückbleiben, spürt in besonderem Ausmaß der so genannte „Mittelstand“ diese Entwicklung. Viele Familien und Personen mit einem mittleren Einkommen müssen ihren Lebensstandard nach unten anpassen.

Sozialer Skandal

Dass die Lohn- und Gehaltsverhandlungen sowie die Festsetzung der Pensionen sich noch immer an den offiziellen Statistiken des Verbraucherpreisindex orientieren, ist zwar aus der Sicht der SPÖ-ÖVP-Regierung, der Wirtschaftskammer oder der Industriellenvereinigung verständlich, aber aus der Sicht der Gewerkschaft und Arbeiterkammer überhaupt nicht.

Es ist schlicht ein sozialer Skandal, dass uns ÖGB-Präsident Hundstorfer vorrechnet, dass unter Berücksichtigung des Verbraucherpreisindex bei der Lohn-/Gehaltserhöhung für 2008 noch 0,5 Reallohnerhöhung übrig bleiben.
Denn bei einer ehrlichen Betrachtung der realen Inflation für das tägliche Leben ist diese Lohnerhöhung ein drastischer Reallohnverlust.

Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes in Deutschland liegen mit ihren Lohnforderungen daher in einer verständlichen Größenordnung (8 bis 12 Prozent!). Wie viel schließlich tatsächlich an Lohnerhöhung erreicht werden kann, liegt an der Kampfstärke, am Einfluss und an der Entschlossenheit der Gewerkschaften.

Unterschlagung durch die Gewerkschaften

Wenn aber die SPÖ-ÖVP-Führung der Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes (GÖD und GdG) diesen sozialen Hintergrund nicht einmal ausspricht und die Bevölkerung nicht informiert, ist das schlichtweg eine Unterschlagung. Können oder wollen sich SpitzenfunktionärInnen der Gewerkschaft oder PolitikerInnen nicht mehr vorstellen, wie das tägliche Leben mit einem durchschnittlichen oder niedrigen Einkommen überhaupt zu schaffen ist?

Von Thomas Kerschbaum, Personalvertreter der Konsequenten Interessenvertretung im Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien

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Kommentare deaktiviert für Die „gefühlte“ Inflation frisst Gehaltserhöhung auf am 23. März 2008

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