Im Juli betrug die Inflationsrate in der Eurozone 4,1 Prozent. Die Teuerung und dei damit verbundene finanzielle Belastung für die Haushalte beherrscht den Wahlkampf. So manche Rezepte gegen die Inflation entpuppen sich dabei allerdings als Kurpfuscherei. Weil Inflation eben nicht gleich Inflation ist.

Arten der Inflation

Unter Inflation versteht frau/mann allererst einmal eine über einen längeren Zeitraum beobachtbare Zunahme des Preisniveaus. Inflation kann dabei unterschiedliche Ursachen haben. Die sogenannte „Nachfrageinflation“ sieht den Impuls für eine inflationäre Entwicklung von der Nachfrageseite ausgehend: Ausgangspunkt ist die Erhöhung der Güternachfrage, die allerdings auf ein „unelastisches“, also weitestgehend stabiles Angebot trifft. D.h., die Angebotsseite reagiert – jedenfalls kurzfristig – auf diesen Nachfrageschub, der von Haushalten, vom Staat oder von Unternehmen ausgehen kann, nicht durch ein höheres Angebot an Gütern oder Dienstleistungen, sondern durch eine Erhöhung der Preise.

Nachfrageinflation

Die Nachfragenden erhalten also das gleiche Güterangebot wie vorher, nur zu einem höheren Preis. Wie kann es zu einer derartigen Nachfrageinflation kommen? Weil das verfügbare, nachfragewirksame Einkommen von Haushalten, Staat, „Ausland“ und Unternehmen entsprechend hoch ist. Bei Unternehmen logischerweise dadurch, dass höhere Preise auch zu einem höheren Vermögen führen. Bei privaten Haushalten dadurch, dass „entspart“ wird, also bsp. Sparguthaben aufgelöst werden, dass niedrige Zinsen die Aufnahme günstiger Kredite befördert oder durch ein höheres Einkommen aus Arbeit: durch eine höhere Nachfrage nach Gütern werden die Unternehmen – jedenfalls mittelfristig – versuchen, diese Nachfrage – wenn die Gewinnerwartungen für die Zukunft stimmen – auch durch eine Ausweitung des Angebots zu befriedigen. Dadurch entsteht eine höhere Nachfrage nach Arbeit, steigen die Preise für Arbeit – also Löhne und Gehälter. Das schafft für die Gewerkschaften eine günstigere Verhandlungsposition, Kollektivvertragserhöhungen zumindest in Höhe der Inflationsrate werden leichter durchsetzbar sein, die reale Nachfrage wird also aufrecht erhalten werden können. Gleiches gilt für Staat (höhere Steuereinnahmen) und Ausland. Der Inflationsprozess wird in Gang gehalten – höhere Löhne führen wieder zu höheren Preisen („Lohn-Preis-Spirale“).

GewinnerInnen und VerliererInnen einer Nachfrageinflation

Diese Form der Inflation kann durchaus positive Beschäftigungs- und Wachstumseffekte mit sich bringen und für gewisse Personengruppen auch positive Verteilungswirkungen: SchuldnerInnen profitieren von dieser Inflation mehr als GläubigerInnen (vor allem wenn die Inflationsrate geringe Realzinssätze bewirkt), ArbeitnehmerInnen mehr als VermögensbesitzerInnen, die „Realwirtschaft“ stärker als die „Finanzwirtschaft“. Getroffen sind allerdings jene Personengruppen, deren Einkommen (z.B. PensionistInnen, prekär Beschäftigte) weniger stark steigt als die Preise. Ebenso getroffen sind „kleine“ SparerInnen, deren Vermögen von der Inflation verzehrt wird. Irgendwann ist auch die Grenze erreicht, wo ein mehr an Beschäftigung erreicht wird und sich nur noch Löhne und Preise gegenseitig nach oben entwickeln (vor allem auch, weil Real- und Finanzwirtschaft ja nicht voneinander losgelöst gesehen werden kann, RealvermögensbesitzerInnen in der Regel ja auch FinanzvermögensbesitzerInnen sind). Potentielle Geldanleger werden ebenso stärker aus Geldanlagen in Sachanlagen „flüchten“ – in Immobilien etwa – was die Preise für diese Anlagen in die Höhe treibt. Falsche Absatzerwartungen seitens der Unternehmen können in Fehl- bzw. Überinvestitionen führen, die sich bei „Marktsättigung“ als Investitionsruinen herausstellen können und zu einem Abbau von Beschäftigung und Vernichtung von Sachvermögen führen. Gegensteuern kann die Politik einer „Nachfrageinflation“ etwa über eine Erhöhung des Leitzinssatzes durch die Zentralbanken, die Kredite verteuern, die Geldmenge, die für Konsum und Investitionen zur Verfügung steht verringert, und dadurch die aufgrund von „Überschussnachfrage“ entstehende inflationäre Entwicklung bremst bzw. eindämmt und damit eine Stabilisierung des Preisniveaus herbeiführt. Der Staat kann seine Ausgaben reduzieren und auch dadurch die Nachfrage verringern.

Angebotsinflation

Inflation kann auch angebotsseitig begründet („Angebotsinflation“, „cost-push inflation – Kostendruckinflation“) sein. In diesem Falle geben die Unternehmen – um Gewinneinbußen oder Verluste zu vermeiden – höhere Faktorkosten über höhere Produktpreise an die KonsumentInnen weiter. Kostensteigerungen können unterschiedlichste Gründe haben: über dem Prozentsatz der Produktivitätssteigerung liegende Lohnerhöhungen, höhere Preise für importierte Rohstoffe, höhere Kapitalkosten (Zinsen), höhere Steuern, zunehmende Stückkosten bei abhnehmender Kapazitätsauslastung. Erhöhen sich die Kosten aufgrund höherer Preise für importierte Rohstoffe bzw. Vorprodukte hat frau/mann es mit einer Variante der „importierten Inflation“ zu tun. Gerne – vor allem von konservativer und UnternehmerInnenseite – wird Inflation aufgrund Lohndrucks („Lohndruckinflation“) ins Treffen geführt: bei Lohnerhöhungen die über der Produktivitätserhöhung liegen reagieren die Unternehmen mit prozentual gleichen Preiserhöhungen. Die Lohndruckinflation wird durch eine Lohn-Preis-Spirale (höhere Preise führen zu höheren Lohnabschlüsse, die wieder zu höheren Preisen führen usw.) in Gang gehalten: Gütermässig hat sich nichts geändert – weder für die ArbeitnehmerInnen, noch für die ArbeitgeberInnen. Lediglich das Preisniveau – sowohl für Arbeit als auch für Güter ist durch den „gescheiterten Umverteilungsversuch“ der Gewerkschaften gestiegen. Beschädigt ist dafür die „internationale“ Wettbewerbsfähigkeit, weil sich die Produkte im Gegensatz zu Produkten der „Konkurrenzstaaten“ empfindlich verteuert haben, was die Exportsituation schwächt und zu einem Rückgang an Beschäftigung führt. Massnahmen gegen diese Entwicklung wäre etwa ein Lohn- und Preisstopp (den Appell an die Gewerkschaften sich in Lohnzurückhaltung zu üben kennen wir ja bestens), die Förderung des Wettbewerbs, ein strenges Kartellrecht, die eine Kostenüberwälzung nicht so ohne weiteres zulässt. Von KonsumentInnenseite findet vor allem ein Ausweichen auf billigere Alternativprodukte statt. Massnahmen wie eine Zinserhöhung seitens der Notenbanken, um über höhere Zinsen Kredite zu verteuern, die im Umlauf befindliche Geldmenge entsprechend zu reduzieren und die Nachfrage so zu drosseln würde dagegen die Gefahr in sich bergen, die Konjunktur abzuwürgen. Abgesehen davon, dass höhere Kosten zur Bedienung des Schuldendienstes auch an die Konsumenten weitergegeben würden – was nicht unbedingt eine Kostensenkung mit sich bringen würde.

Welche Inflation haben wir?

Kehren wir zurück von der Theorie in die Realität. Also, mit welcher Form der Inflation, der Teuerung, haben wir es wohl zu tun? Haben wir eine „Nachfrageinflation“, die ein aktives Handeln der Europäischen Zentralbank notwendig machen würde? Haben wir eine „Angebotsinflation“ in Form einer „Lohndruckinflation“, besteht die Gefahr einer „Lohn-Preis-Spirale“, die Lohnzurückhaltung nahelegt?

Herrscht Nachfrageinflation?

Lassen wir die Wirtschaftsforschung sprechen: Das WIFO hat seine Wirtschaftsprognose für 2008 und 2009 vorgelegt. Die Überschrift: „Rohölpreishausse beschleunigt Inflation und dämpft Wirtschaftswachstum“. In der Prognose findet sich folgende Textpassage: „Die hohe Inflation lässt die Nettorealeinkommen der Beschäftigten pro Kopf 2008 um 0,7 % sinken und die verfügbaren Realeinkommen der privaten Haushalte um nur noch 0,7 % steigen. Selbst wenn – wie für Phasen einer Energieverteuerung typisch – ein Rückgang des Sparanteils am verfügbaren Einkommen unterstellt wird, drückt der schwache Anstieg der Einkommen die Konsumnachfrage merklich.“ Für das Jahr 2008 prognostiziert Markus Marterbauer, Autor der Prognose, den realen Zuwachs der Konsumnachfrage mit 1,1 %. Für 2009 ist keine Erholung zu erwarten. Für das Jahr 2009 wird ein Konjunkturabschwung erwartet, das reale BIP-Wachstum von prognostizierten 2,3 % im Jahr 2008 auf 1,4 % im Jahr 2009 fallen. Wie soll der Binnenkonsum auch anspringen, wenn das monatliche Netto-Durchschnittsverdienst (nach Steuer und Abgaben) heuer – lauf Alois Guger vom WIFO – mit 1.505 Euro unter dem Niveau von 1991 (!) mit 1.516 Euro liegt? Auch wenn eine Ursache für sinkende Nettoeinkommen in der Teilzeitbeschäftigung liegt. Umgerechnet auf Vollzeitäquivalente (hier wird der Teilzeitfaktor berücksichtigt) verdient der/die durchschnittliche Österreicherin heuer mit 1.663,2 Euro lediglich um 30 Euro mehr als 1995: während das durchschnittliche monatliche Nettoeinkommen seit 1995 also um gerade einmal um 1,8 % gestiegen ist, legte alleine von 2005 bis Mai 2008 der Verbraucherpreisindex um 7,5 % zu. Eine nachfrageinduzierte Inflation sieht definitiv anders aus.

Vielleicht herrscht ja eine „Lohndruckinflation“?

Faktum eins ist, dass die Lohnquote seit Jahrzehnten rückläufig ist, also eine Umverteilung von Löhnen und Gehältern hin zu Gewinnen, Zinseinkommen etc. stattgefunden hat. Faktum zwei ist, dass kein kollektivvertraglicher Lohnabschluss der letzten Jahre – frau/mann kann schon fast Jahrzehnte sagen – prozentuell über dem Prozentsatz der Produktivitätssteigerung gelegen ist. Vielmehr das Gegenteil ist der Fall. Um tatsächlich einen sinnvollen Vergleich der Produktivität zum Lohnniveau herstellen zu können, gilt es nicht die absolute Höhe der Lohnkosten, sondern die Lohnstückkosten (also die Lohnkosten je erzeugtem Stück) zu betrachten: So gingen in Österreich im Zeitraum von 1980 bis 2000 die realen Lohnstückkosten um 15 %, von 1990 bis 2000 um 9 % zurück. „Die Realeinkommensteigerungen der Arbeitnehmer blieben also in beiden Jahrzehnten deutlich hinter dem Fortschritt der Arbeitsproduktivität zurück,“ schreiben die beiden WIFO-Mitarbeiter Markus Marterbauer und Ewald Walterskirchen im WIFO-Monatsbericht 2/2003. Neuer Zahlen gefällig? Im Jahr 2006 stieg die Produktivität je Erwerbstätigem in der Sachgüterproduktion um 8,1 %, die Arbeitskosten stiegen im gleichen Jahr um 3,5 % je Beschäftigtem, die Lohnstückkosten sind einmal mehr um 4,2 % gesunken (WIFO-Monatsbericht 10/2007). Zum Vergleich: bei den EU-Handelspartner stiegen im gleichen Zeitraum die Arbeitskosten um 3,1 %, die Produktivität dagegen nur um 5,9 %, die Lohnstückkosten sanken lediglich um 2,7 %. Von „Lohndruckinflation“ also weit und breit keine Spur. Ermahnungen zu Lohnzurückhaltungen wie sie seitens der Industrie, der Europäischen Zentralbank und der Österreichischen Nationalbank kommen, um eine „Lohn-Preis-Spirale“ zu verhindern sind angesichts dieser Fakten pure Ideologie.

Schnurstracks in die Wirtschaftskrise

Wenn nun allerdings – und die europäische Situation (vor allem jene der BRD) ist mit der österreichischen durchaus vergleichbar – weder eine „Nachfrageinflation“, noch eine „Lohndruckinflation“ vorherrscht, dann ist die Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank schlichtweg die falsche, ja angesichts des drohenden Konjunktureinbruchs geradezu gemeingefährliche Massnahmen gegen die Teuerungswelle, die nicht an die Ursachen geht, dafür allerdings fatale Folgen zeitigen wird.

der ganze, längere Artikel von Markus Koza ist in der Monatszeitschrift Die Alternative Heft 8/9 erschienen.
Das Heft kann hier als PDF-Datei runtergeladen werden.

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1 Kommentare am 26. August 2008

One Response to “Inflation ist Inflation ist … wirklich?”

  1. ha, jaaaaaaaaaaa!!! :-)))))))))))