In den Statistischen Nachrichten 7/12 setzen sich die Käthe Knittler und Bettine Stadler mit Atypischer Beschäftigung in der Krise auseinander.

Hat die Wirtschaftskrise die „Atypisierung“ der Beschäftigungsverhältnisse in Österreich befördert? Waren „Atypische“ stärker betroffen als „Normalarbeitsverhältnisse“? Diesen Fragen geht ein Beitrag in den Statistischen Nachrichten 7/2012 nach.
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Quer durch Europa – besonders aber in den schwer krisengeschüttelten Staaten der Peripherie – ist ein massiver Abbau von ArbeitnehmerInnenrechte gepaart mit einer zunehmenden „Atypisierung“ der Beschäftigung zu beobachten: Arbeitszeiten werden flexibilisiert, Überstundenregelungen liberalisiert, der Kündigungsschutz abgebaut, Lohnverhandlungen auf die betriebliche Ebene verlagert, Löhne gekürzt. Gleichzeitig werden „neue“, atypische Beschäftigungsformen – insbesondere für jugendliche ArbeitnehmerInnen – geschaffen, die noch weniger sozial- und arbeitsrechtlichen Schutz bieten und den Arbeitgebern noch weniger kosten.
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Wie sieht es nun in Österreich aus? Ist auch hier eine Zunahme von „Atypisierung“ im Zuge der Krise zu beobachten? Käthe Knittler und Bettina Stadler haben Auswirkungen der Krise auf die Beschäftigung untersucht.

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Was ist „atypisch“?
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Bevor wir uns den Ergebnissen zuwenden, sollte frau/man vorerst einmal wissen, wovon überhaupt die Rede ist, wenn von „atypischer Beschäftigung“ gesprochen wird. Grundsätzlich erfolgt die Definition von „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“ über die Abgrenzung zum „Normalarbeitsverhältnis“*  – also der unbefristeten Vollzeitanstellung. Atypische Beschäftigungsformen sind somit üblicherweise Teilzeitarbeit,  geringfügige Beschäftigung, Zeit- und Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse sowie freie Dienstverträge. Formen „selbständiger“ atypischer Beschäftigung („neue Selbständige“) werden in dieser Analyse nicht berücksichtigt.
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Teilzeitarbeit wird in der Untersuchung dahingehend eingegrenzt, dass diese weniger als 36, aber mehr als 12 Wochenstunden umfassen muss. Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse – also Teilzeit unter 12 Wochenstunden –  fallen somit nicht unter „Teilzeit“, sondern „sonstige atypische Beschäftigung“.  Weiters sind aus  den befristeten Arbeitsverhältnissen Beschäftigungsverhältnisse die aufgrund ihrer Lehrausbildung befristet sind – Lehrverträge etwa – ausgenommen.
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Auf  Basis der Mikrozensus-Erhebung und erwähnter Abgrenzungen/Prinzipien werden drei überschneidungsfreie Beschäftigtenkategorien gebildet. Jede unselbständig erwerbstätige Person wird  nach ihrer „Haupttätigkeit“ exakt einer dieser Gruppen zugeordnet. Unterschieden werden
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  • Beschäftigte im Normalarbeitsverhältnis, also Vollzeitbeschäftigte ohne Befristung
  • „ausschließlich“ Teilzeitbeschäftigte, d.s. alle Personen, die ausschließlich aufgrund ihrer Teilzeitbeschäftigung als „atypisch“ gelten und mehr als 12 h – also über der statistischen Geringfügigkeitsgrenze – arbeiten. Nicht in dieses Kapitel fallen Beschäftigungsverhältnisse die zusätzlich Merkmale von „Atypisierung“ aufweisen – etwa zeitlich „befristete“ Teilzeitverhältnisse, oder Leiharbeit auf Teilzeitbasis.
  • alle sonstigen „unselbständig“, atypisch Beschäftigten, also freie DienstnehmerInnen, geringfügig Beschäftigte (Teilzeit unter 12 Wochenstunden), LeiharbeiterInnen, Befristungen  – unabhängig ob Voll- oder Teilzeit.

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Wie haben sich diese Beschäftigtengruppen nun in der Krise entwickelt?
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Die AutorInnen stellen eingangs fest, dass im Vergleich zu den anderen EU-Staaten die „Krisenfolgen am österreichischen Arbeitsmarkt bisher relativ glimpflich“ verlaufen sind. Allerdings hat auch am österreichischen Arbeitsmarkt die Wirtschaftskrise deutliche  Spuren hinterlassen.
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51.000 Vollzeitjobs weniger
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Geprägt war das Krisenjahr 2009 durch eine für Österreich ungewohnt hohe Arbeitslosenrate von 4,8 % (Labor force Konzept), die allerdings 2010 bereits wieder auf 4,4 % zurückging. Die Zahl der unselbständig Beschäftigten stagnierte 2009 ebenso wie im Folgejahr 2010. Von 2005 bis 2008 war die unselbständige Beschäftigung noch deutlich gestiegen.
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Markant war 2009 der Einbruch bei den Normalarbeitsverhältnissen: 41.000 Vollzeitjobs gingen 2009 verloren, 2010 noch einmal 29.000. Betroffen waren 2009 dabei überwiegend Männer – nämlich zu 90 %. 2010 war der Rückgang an Norm-Arbeitsplätzen zwar geringer, allerdings waren es diesmal zu 70 % Frauen, deren Jobs „abgebaut“ wurden. Insgesamt gingen von 2008 bis 2011 51.000 Normalarbeitsverhältnisse verloren. Waren 2008 noch 87,6 % der unselbständig beschäftigten Männer in einem 40-Stunden-Job, ging dieser Anteil bis 2011 leicht auf 86 % zurück. Bei den Frauen sank der Anteil von ohnehin nicht besonders hohen 53,6 % schon viel deutlicher auf niedrige 50,9 %. Eine Entwicklung, die zwar schon länger anhält (im Zeitraum 2005 bis 2011 wuchsen Teilzeit und atypische Beschäftigung um 22 %, Normalarbeitsplätze dagegen nur um 2 %), sich mit der Krise allerdings beschleunigte. Insgesamt ist der Anteil der in Normalarbeitsverhältnissen stehenden ArbeitnehmerInnen seit 2005 von 73 %  auf 69,3 % (2011) gesunken, dabei alleine von 2008 bis 2011 um 2,4 %-Punkte.
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Starkes Wachstum bei Teilzeit
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Beschäftigungszuwächse gab es dagegen in der Kategorie „ausschließlich Teilzeit“. Die Stagnation der Gesamtzahl der unselbständig Beschäftigten 2009/2010 lässt sich auf die leichte Verschiebung von Normalarbeitsverhältnissen hin zu „atypischen“ Beschäftigungsformen, vor allem aber auf die weiter wachsende Teilzeitbeschäftigung  zurückführen. Im Vergleich zu 2008 stieg die Gruppe „ausschließlich“ Teilzeit arbeitenden bis 2011 um 61.000 Personen, von 592.000 auf über 653.000. Die leichte Entspannung die 2011 auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten war, ist somit überwiegend auf den Anstieg von „ausschließlich“ Teilzeit und anderen atypischen Beschäftigungsformen zurückzuführen.
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Der Anteil der unselbständig beschäftigten Frauen, die insgesamt Teilzeit (nicht „ausschließlich“ Teilzeit, sondern auch mit Merkmalen anderer „atypischer“ Beschäftigungsformen) arbeiten, ist seit Ausbruch der Krise 2008 bis 2011 von bereits hohen 42,1 % noch einmal auf 44,5 % gestiegen. Jener der Männer von niedrigen 6,5 % auf nicht wesentlich höhere 7,6 %. Von den 898.600 Teilzeitbeschäftigten 2011 waren 756.400 weiblich und nur 142.200 männlich. 2008 waren noch 697.000 Frauen und 122.500 Männer Teilzeit in all ihren Formen beschäftigt.
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Verschiebung, aber Stagnation bei „Atypischen“
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Relativ konstant ist die Anzahl der sonstigen atypisch Beschäftigten geblieben. Knittler/Stadler:

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„Leiharbeitskräfte waren von der Krise negativ betroffen, andere atypische Beschäftigungsformen, wie die geringfügige Beschäftigung und in leichtem Ausmaß auch die Befristungen, nahmen hingegen zu. Somit kam es zu leichten Verschiebungen hinsichtlich der Zusammensetzung der atypisch Beschäftigten. Die Gesamtgruppe (atypisch, sonstige Formen) blieb allerdings, aufgrund der  gegenläufigen Entwicklungen der einzelnen atypischen Beschäftigungsformen, im Jahr 2009 gleich groß und verzeichnete 2010 wieder einen Zuwachs.“

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Auf die einzelnen Atypischen-Gruppen bezogen heißt das:

  • Steigende geringfügige Beschäftigung seit 2005, auch seit Ausbruch der Krise. Die Zahl jener Personen, deren „Hauptbeschäftigungsmerkmal“ eine geringfügige Beschäftigung ist, stieg seit 2008 von 151.500 auf 170.900 Personen**.
  • Rückgang bei den freien DienstnehmerInnen, wobei dieser allerdings nicht nur in der Krise begründet ist, sondern auch in der deutlichen Ausweitung der sozialen Absicherung seit 1. Jänner 2008. Das hat es für Arbeitgeber schlichtweg unattraktiver gemacht, über die Umgehung „freier Dienstvertrag“ aus dem „teureren“ Sozial- und Arbeitsrecht zu flüchten.
  • Rückgang bei der Leiharbeit von 2008 auf 2009 (ca. 10 % weniger Leiharbeitsverhältnisse), was dem strukturellen Charakter von Leiharbeit geschuldet ist: „In Zeiten des (erwarteten) Aufschwungs werden zuerst Leiharbeiter/-innen angestellt, die im Fall eines erneuten Einbruchs sehr leicht wieder freigesetzt werden können.“ Oder anders ausgedrückt: in Krisenzeiten werden LeiharbeiterInnen eher gekündigt, als Stammpersonal. Wobei der Einbruch allerdings – vorerst einmal – nur von kurzer Dauer war und  2010 schon wieder beinahe das Niveau von 2008 erreicht, 2011 dasselbe schon wieder deutlich überschritten wurde (81.100 statt 71.100 LeiharbeiterInnen)
  • Leichter Anstieg bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen, der – laut AutorInnen – auch Folge der Krise ist („Gleichzeitig werden während einer Krise vermehrt tatsächlich befristete Beschäftigung vergeben“). Insgesamt ist über den Zeitablauf von 2005 bis 2011 aber insgesamt nur eine geringe Steigerung (von 5,3 auf 5,6 % aller unselbständig Beschäftigten) zu beobachten. Zusätzlich ist ein befristetes Arbeitsverhältnis – bevor dieses in ein unbefristetes übergeht – inzwischen für viele neue Erwerbsverhältnisse Realität geworden – unabhängig von der Krise.

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Keine „strukturelle Verschiebung“ in Richtung Atypisierung, aber …
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Basierend auf beschriebenen Entwicklungen und Beobachtung kommen Knittler/Stadler in ihrem Artikel zu folgenden Schlüssen:
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  • In Österreich „kann derzeit … von keiner eindeutigen Verschiebung der Beschäftigtenstruktur in Richtung Atypisierung gesprochen werden.“ Der Anstieg bei atypischen Beschäftigungsverhältnissen „rührt in erster Linie von einem Anstieg der ausschließlich Teilzeit und dies ist wiederum größtenteils ein Effekt der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen.“

  • Auf die Eingangfrage nach den Auswirkungen der Krise auf die Beschäftigungsstruktur, ist eindeutig ein Rückgang von „Normalarbeitsverhältnissen“ zu beobachten, dem ein Anstieg von Teilzeitbeschäftigung – getragen überwiegend von Frauen – gegenüberstand bzw. -steht.
  • Im Jahr 2010 ist auch wieder ein Anstieg von „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen außerhalb der Teilzeit beobachtbar, der vor allem auf wieder mehr werdende Leiharbeit zurückzuführen ist: Diese ging 2009 zurück, stieg 2010 wieder leicht, 2011 schließlich wieder deutlich an (mit den aktuellen krisenhaften Entwicklungen ist wieder ein Rückgang zu verzeichnen, Anm.)
  • Bezogen auf die Beschäftigungsform zeigen sich die größten Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Kategorie „ausschließlich Teilzeit“: Frauen arbeiten zu 33 % „ausschließlich Teilzeit“, Männer zu 4 %. Geringer aber immer noch deutlich allerdings auch die Unterschiede bei  allen anderen atypischen Beschäftigungsformen: Frauen arbeiten zu 15 % „atypisch“, Männer zu 10 % (geringfügige Beschäftigung: 7,5 % der Frauen, 2,4 % der Männer, Befristung: 6,4 % der Frauen, 5 % der Männer, freie Dienstverträge: 1,5 % der Frauen, 1,3 % der Männer, Ausnahme Leiharbeit: 2 % der Frauen, 3 % der Männer).
  • Nach wie vor zeigen sich hinsichtlich der Verbreitung atypischer Beschäftigungsformen deutliche Unterschiede zwischen dem Produktions- und dem Dienstleistungssektor. In der männerdominierte Güterproduktion ist der Anteil „Atypischer“ jedenfalls geringer (wenn auch in diesem Sektor Frauen deutlich häufiger atypisch beschäftigt sind als Männer) als in der Dienstleistungsbranche mit hohem Frauenanteil: hier ist der Anteil atypisch Beschäftigter bei Frauen wie Männern „tendenziell hoch“.

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Hat in Österreich also „Atypisierung“ als Krisenfolge bei weitem nicht so durchgeschlagen wie in anderen europäischen Staaten, handelt es sich vorerst einmal um einen „vorläufigen Befund“. Denn die Krise ist noch nicht zu Ende. Und: die Zahl atypisch Beschäftigter war auch schon in Vorkrisenzeiten  hoch.
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Selbst wenn „Atypisierung“ nicht prinzipiell  „Prekarisierung“ – also Unsicherheit, Armutsgefährdung, Ungewissheit – bedeutet: der Anteil atypisch Beschäftigter in Niedriglohnbranchen bzw. -berufen ist jedenfalls deutlich höher: 27 % der „Atypischen“ aber „nur“  8,7 % der „normal“ Beschäftigten arbeiten in Niedriglohnbranchen. Die Gefahr des „working poor“ und im Falle von Arbeitslosigkeit in tiefe Armut zu rutschen ist damit bei „Atypischen“ ungleich höher als bei „Normal“-Beschäftigten. Und: der Prozess der „Atypisierung“ und damit verbundenen Prekarisierungsrisken ist keineswegs gestoppt. Ganz im Gegenteil: er setzt sich unvermindert fort. Die Herausforderung „Atypisierung“ bleibt also. Gerade auch in Krisenzeiten.
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*  angemerkt sei hier insbesondere, dass das „Normalarbeitsverhältnis“ hinsichtlich seiner „Normwirkung“ hinterfragenswert ist. Die AutorInnen: „Was für Frauen typisch ist, ist für Männer untypisch und umgekehrt gilt, was für Männer typisch ist, ist für Frauen untypisch. Insofern stellt sich zu Recht die Frage, was als Norm und damit als normal bzw. abweichend von Norm und Normalität definiert wird.“ Die AutorInnen haben nicht zuletzt aufgrund des hinterfragenswerten „Normbegriffs“ neben der Kategorie „Normalarbeitsverhältnis“ die für Frauen viel typischere Teilzeitarbeit als eigenständige Kategorie und „ausschließlich Teilzeit“ als weibliches „Normalarbeitsverhältnis“ in Abgrenzung zu anderen „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen gesondert ausgewiesen.

**  Die doch erhebliche Abweichung von den Hauptverbandszahlen – der HV (Hauptverband der SV-Träger) weist für 2011 erwas über 307.000 geringfügig Beschäftigte aus, während im Artikel von Knittler/Stadler nur von knapp 171.000 Geringfügigen die Rede ist. Die Differenz ergibt sich tatsächlich daraus, dass der HV alle  Beschäftigungsverhältnisse zählt, unabhängig davon, wer diese erbringt, während Knittler/Stadler nur jene Personen zählen, die als Hauptbeschäftigungsform – zumindest – ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis aufweisen. Tatsächlich kann eine Person mehrere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse haben, kann ein Teilzeitverhältnis mit einem geringfügigen Verhältnis kombiniert sein etc. Daher die große Abweichung.

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Links:

Statistik Austria: 31 % der unselbständig Erwerbstätigen waren 2011 atypisch beschäftigt

Statistische Nachrichten 7/2012: Atypische Beschäftigung während der Krise nach soziodemographischen Merkmalen

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Kommentare deaktiviert für „Atypisierung“ in Zeiten der Krise? am 1. Oktober 2012

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