Dank aktuell erhobener OeNB-Vermögensdaten wissen wir, auf welche Höhe sich das durchschnittliche Nettovermögen der Haushalte beläuft, und wie sich dieses auf einzelne Haushaltsgruppen verteilt. Aber: wie verteilt sich das Gesamtvermögen? Auch das lässt sich dank vorliegender Daten ansatzweise errechnen. Das Ergebnis ist  so interessant wie politisch brisant. Und spricht einmal mehr für Vermögenssteuern aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit.
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Wir erinnern: aus der aktuellen Vermögenserhebung der OeNB ergibt sich ein Durchschnittsnettovermögen („Mittelwert“) von rund 265.000 Euro pro Haushalt. Abzüglich Schulden hält also der durchschnittliche Haushalt ein Vermögen (Sach- und Geldvermögen) von über einer Viertel Million Euro. Aber eben nur der Durchschnitt.

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Durchschnittswerte können allerdings außerordentlich verzerrt sein, insbesondere dann, wenn es eine besonders starke „Polarisierung“ an den Enden gibt. Als Beispiel: Besitzt von zwei Personen eine Person 100 und eine Person null, dann halten beide im Durchschnitt 50. Obwohl sich tatsächlich  alles bei einer Person konzentriert …

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Gesamtvermögen: 1 Billion Euro …
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Und so stellt es sich ähnlich bei den Vermögen da. Weil sich Vermögen vor allem „oben“ konzentriert und dort sehr hoch ist, ergibt sich eben ein hoher „Durchschnitts“- oder „Mittelwert“, während der „Medianwert“, also jener Wert wo exakt 50 % darunter und 50 % darüber lieben, mit rund 76.000 Euro deutlich unter dem „Mittelwert“ liegt.  Interessant ist dieser „Mittel-“ bzw. „Durchschnittswert“ allerdings dahingehend, dass sich aus diesem das Gesamtvermögen der privaten Haushalte errechnen lässt: frau/man multipliziert das Durchschnittsvermögen je Haushalt mit der Anzahl der Haushalte und schon kommt frau/man zum Gesamtvermögen in Österreich. Also:
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Euro 265.033 x 3,77 Mio. Haushalte = 999,17 Milliarden, also knapp 1 Billion Euro

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Nun wissen wir zwar, auf welche Höhe sich das Gesamtvermögen verteilt, wir wissen auch, über wie viel Nettovermögen „arme“, „mittlere“ und „reiche“ Haushalte vermögen. Wir wissen allerdings noch nicht, wie sich das Gesamtvermögen auf die Haushalte verteilt. Also etwa, wie viel Prozent des Gesamtvermögens die 10 % reichsten Haushalte besitzen. Kann das aus den vorliegenden Zahlen berechnet werden? Ja, annäherungsweise. Zumindest kann berechnet werden, über welchen Anteil des Gesamtvermögens die reichsten 10 % der Haushalte mindestens verfügen müssen. Also wie viel Vermögen „mindestens“ in der Hand der reichsten 10 % ist.
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… wie es sich auf einzelne Haushalte …
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Wir wissen aus dem Vermögensdaten, dass
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  • das „ärmste“ Haushaltszehntel, die ärmsten 377.000 Haushalte – das 10. Perzentil – ein Nettovermögen von maximal 977 Euro hält.
  • Das 20. Perzentil – also die „zweitärmsten“ 10 % der Haushalte – hält ein Vermögen von bis zu 6.086 Euro
  • das 30. Perzentil kommt auf bis zu 14.992 Euro
  • das 40. Perzentil auf maximal 34.731 Euro Nettovermögen
  • das 50. Perzentil kommen auf den „Medianwert“ (exakt 50 % der Haushalte haben mehr, 50 % der Haushalte weniger) von maximal 76.445 Euro Eigentum
  • das 60. Perzentil – als die 377.000 nächstreicheren Haushalte – halten höchstens 139.614 Euro.
  • das 70. Perzentil maximal 208.435 Euro
  • das 80. Perzentil höchstens 310.837 Euro
  • die „zweitreichsten“ 10 % aller Haushalte kommen auf ein Vermögen von bis zu 542.163 Euro.
  • Die Top 10 %, also die reichsten 377.000 Haushalte in Österreich halten ein Vermögen von über 542.163 Euro – Grenze nach oben hin offen und unbestimmt.

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Diese Zahlen sind bekannt. Wie errechne ich nun, wie sich das Gesamtvermögen verteilt. Dazu bräuchten wir die „Durchschnittswerte“ pro Haushaltszehntel. Diese mit 377.000 – also 10 % der Haushalte multipliziert – ergäben das Vermögen des entsprechenden Zehntels. Die Durchschnittswerte haben wir allerdings nicht (zumindest nicht veröffentlicht)! Kann es dennoch annäherungsweise Schätzungen geben?

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Wie sich das Nettovermögen auf die einzelnen "Haushaltszehntel" verteilt. Grafik: OeNB 2012

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… und insgesamt verteilt
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Ja, es kann! Wir können uns errechnen wie hoch das „maximale“ Gesamtvermögen ist, über das alle Haushalte eines speziellen Haushaltszehntel verfügen, nachdem wir die „Vermögensschranken“ kennen. Z.B.: Wenn wir wissen, dass im „ärmsten“ Haushaltszehntel jeder Haushalt über maximal 977 Euro verfügen kann, können wir uns errechnen, wie hoch der Maximalanteil dieses Zehntels am Gesamtvermögen ist:
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Euro 977 x 377.000 Haushalte = rund 368 Mio. Euro

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Also: bei einem Gesamtvermögen von knapp 1 Billion Euro verfügt das „vermögensärmste“ Haushaltszehntel über gerade einmal maximal über 0,037 % des Gesamtvermögens – Wobei diese Prozentzahl natürlich zusätzlich extrem „verzerrt“ ist, wird doch angenommen, dass jeder Haushalt über das maximal mögliche Vermögen verfügt!
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Das zweitärmste Haushaltszehntel kommt nach dieser Berechnungsmethode (Euro 6.086 x 377.000 Haushalte = rund 2,3 Mrd. Euro) auf einen maximalen Anteil am Gesamtvermögen von 0,23 %.
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Wie ungleich das Vermögen verteilt ist, ergibt sich alleine bereits aus diesen beiden Rechenbeispielen: die 20 % ärmsten Haushalte – also ein Fünftel aller Haushalte – verfügt über ein maximales Gesamtvermögen von 2,7 Mrd. Euro, ein Anteil von gerade einmal 0,27 % am Gesamtvermögen. In Wirklichkeit liegt der Anteil noch deutlich darunter …
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Jedenfalls: stellen wird diese Rechnung mit allen Haushaltszehnteln an kommen wir für
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  • … das 30. Haushaltsperzentil auf insgesamt rund 5,7 Mrd. Euro
  • … das 40. Perzentil auf ca. 13,1 Mrd Euro
  • … das 50. Perzentil auf rund 28,8 Mrd. Euro
  • … das 60. Perzentil auf 52,6 Mrd. Euro
  • … das 70. Perzentil auf 78,6 Mrd. Euro
  • … das 80. Perzentil auf  117,2 Mrd. Euro
  • … das 90. Perzentil – also die „zweitreichsten“ 10 % aller Haushalte – auf 204,4 Mrd. Euro

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Noch einmal, wohlgemerkt: Hierbei handelt es sich um maximal mögliche Vermögensanteile pro Haushaltszehntel!! Zählt man nun die Vermögensanteile zusammen, ergibt sich ein Gesamtvermögen der „unteren“ 90 % der Haushalte von maximal 503 Mrd. Euro, ein Anteil von minimal über 50 %.
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Von Interesse ist für uns weniger, über wie viel am Gesamtvermögen die „unteren“ 90 % maximal verfügen, sondern im Umkehrschluss, wieviel die reichsten 10 % mindestens besitzen. Bei einem Gesamtvermögen von einer Billion fallen auf die reichsten 10 % somit jedenfalls mindestens rund 497 Mrd. Euro oder ebenfalls knapp 50 % des Gesamtvermögens. Die reichsten 10 % halten also mindestens so viel Nettovermögen wie die restlichen 90 %!
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Und es ist mit Sicherheit noch mehr …
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Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit liegt der Anteil der 10 % reichsten Haushalte am Nettogesamtvermögen noch deutlich höher, deutlich über 50 %. Wilfried Altzinger vom Institut für Geld und Finanzpolitik de WU Wien mit Forschungsschwerpunkt Verteilungstheorie- und politik) schreibt dazu etwa in einem Standard-Kommentar vom 4. Oktober :

„Wenngleich das beträchtliche Volumen der Finanz- und Immobilienvermögen sowie dessen hohe Konzentration durch diese Studie sehr gut dokumentiert wird, so muss dennoch angemerkt werden, dass es sich bei diesen Daten um eine deutliche Unterschätzung der Vermögensbestände und -konzentration handelt.“

Warum?
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Einerseits, weil es praktisch ausgeschlossen ist, „dass sich Milliardäre an dieser Befragung beteiligen“, nicht zuletzt, weil diese Personengruppe „aufgrund der Fallzahl wohl kaum in die Stichprobe kommt, als auch, weil in der OeNB Studie keine Stiftungsvermögen erfasst wurde, „das vorsichtig geschätzt einen Umfang von rund 70 Milliarden Euro“ hat, so Altzinger. Und weiter:

„Unter Einbeziehung dieser Daten ergäbe sich also eine noch wesentlich stärkere Vermögenskonzentration als jene, welche von der OeNB ausgewiesen wurde.“

So macht alleine – gemäß der Trend-Reichenliste 2012 – alleine das Gesamtvermögen der zehn reichsten ÖsterreicherInnen 67 Milliarden Euro aus, jenes der Top 50  Personen bzw. Familien 105 Milliarden. Das alleine wären 10 % der gesamten erhobenen Haushaltsnettovermögen in Österreich!
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Bei künftigen Erhebungen müsse daher insbesondere auch der Personengruppe der reichsten 1 % besondere Aufmerksamkeit gewidmet  und eine entsprechende Kooperation des Finanzministeriums mit der  OeNB (z.B. Herausgabe von Steuerdaten) eingefordert werden.
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Konklusio
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Reichtum ist also nicht nur „ungleich“ verteilt, sondern „ungleicher“.
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Einmal mehr muss der OeNB für ihren Beitrag zu einer Versachlichung der Debatte hinsichtlich der Verteilung von Vermögen gedankt werden. Für die (verteilungs-)politische Diskussion ergeben sich daraus entsprechende Schlüsse für potentielle Belastungen aus einer höheren Besteuerung von Vermögen bzw. Vermögensübergängen (Erbschaften, Schenkungen). Mit jeder neuen Erhebung wird die Datenlage hinsichtlich der Verteilung der Vermögen umfassender, umfangreicher und noch besser abgesichert. Und: jede neue, weitere Erhebung bestätigt einmal mehr die bestehende, enorme verteilungspolitische Schieflage bei den Vermögen. Und: das jedes Gewetter und Gezeter gegen Vermögenssteuern als „Mittelstandssteuern“ jeglicher Daten- und Faktenlage widerspricht und  rein ideologisch und aus einer spezifischen Interessenlage heraus motiviert ist.
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Faktum ist: Die Ungleichverteilung bei den Vermögen ist mit eine entscheidende Krisenursache. Krisenbewältigung an der Wurzel braucht daher mehr Verteilungsgerechtigkeit, mehr Gleichverteilung. Verteilungsgerechtigkeit braucht daher Umverteilung. Umverteilung ist und bleibt damit dringlichstes Thema.

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Kommentare deaktiviert für Vermögensverteilung in Österreich: die halbe Welt für zehn Prozent! am 5. Oktober 2012

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