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Rund ein Jahr nach dem Kongress zur Solidarischen Ökonomie in Wien, ein paar Monate nach unserer Tagung zu „Wege aus der Krise“ in Klagenfurt (ÖIE Kärnten, ASO Ljubljana und Grüne/UG waren die Hauptorganisator_innen) und einige Wochen nach den Aktivitäten zur Solidarischen Ökonomie, die der ÖIE Kärnten unter dem Titel „Solidarisches Wirtschaften“ organisiert hatte, betritt der Diskurs um nicht-kapitalistische Formen des Wirtschaftens den Mainstream.

Der Radiosender Ö1 strahlt diese Woche eine Serie von Beiträgen zum Thema aus, im Radiokolleg. Am Donnerstag gibt es eine öffentliche Veranstaltung, die live übertragen wird.

Solidarische Ökonomie ist eine Wirtschaftsweise, die zum Lebensunterhalt ihrer Akteure beiträgt oder vollständig sichert und hat folgende Merkmale:

1.) Selbstverwaltung
Die Produktionsmittel und Ressourcen (Maschinen, Wohnraum etc.) sind im Eigentum der Arbeiter_innen bzw. der Aktiven. Es gibt keine Lohnarbeit, keine Angestellten, keine Trennung zwischen Kapital und Arbeit.

2.) Egalitäre Kooperation
Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, entweder in regelmäßigen Vollversammlungen oder kombiniert mit einem Delegiertensystem. Es gibt kein Management im kapitalistischen Sinn. Darüberhinaus entwickeln solidarökonomische Zusammenhänge auch untereinander kooperative Beziehungen, ebenso wie zur Gesellschaft insgesamt.

3.) Bedarfsorientierung
Die Produktion richtet sich nach konkreten Bedarfen, nicht nach Profitzielen. Ein kapitalistisches Unternehmen fragt: „Was brauchen die Kund_innen damit ich Gewinn machen kann?“. Eine solidarökonomische Initiative fragt: „Was brauchen die Menschen?“ – Viele solidarökonomische Zusammenhänge sind überhaupt nicht Teil der Geldwirtschaft und kritisieren diese sogar aktiv (siehe Kostnixläden). Andere verkaufen zwar ihre Produkte, geben Gewinne jedoch (zum Teil) an kooperative Projekte ab bzw. investieren sie in den Ausbau der solidarökonomischen Zusammenhänge selbst. Gewinn als solcher ist jedoch niemals ein Ziel an sich – eine ausgeglichene Bilanzierung als solche daher auch kein Negativum.

Beispiele für solidarische Ökonomie sind der mehr als 100.000 Arbeiter_innen umfassende „Genossenschaftskonzern“ Mondragon im Baskenland, die besetzten Betriebe in Lateinamerika (vor allem in Brasilien, Argentinien, Venezuela), jene Genossenschaften in Mitteleuropa, die dem ursprünglichen Genossenschaftsgedanken treu geblieben sind, Kostnixläden, aber auch Alltagspraxen wie Couch Surfing – eine breite Palette also.

Die Ö1-Sendereihe ordnet sich in ein wiedererwachendes Interesse an selbstbestimmten und kooperativen Wirtschaftsweisen ein. So ist ein solidarökonomisch konzipiertes Genossenschaftswesen Teil des neuen Programms der SP Schweiz, und die UNO ruft 2012 das Jahr der Genossenschaften aus.

In Österreich gibt es mehrere Aktivitäten zur Thematik. Die „Kritische und Solidarische Universität KriSU„, die aus einer Hausbesezung im Rahmen der Uniproteste 2009 hervorgegangen ist, hat eine Arbeitsgruppe „Vivir Bien“ zur Kartierung Solidarischer Ökonomie eingerichtet. Im Rahmen von KriSU wird auch die Vernetzung solidarökonomischer Praktiker_innen und Forscher_innen angeregt. Die Internetplattform SOLCOM bringt Forschung und Erfahrungen zu Solidarischer Ökonomie und Gemeingütern (Commons) zusammen. In diesem Kreis wurde auch ein Workshop zur Solidarischen Ökonomie 2009 in Graz organisiert, mit finanzieller Unterstützung der AK Steiermark. Im GEDIFO, einem Think Tank von AK und ÖGB war Solidarische Ökonomie ebenfalls schon Thema. Auch die GBW Wien setzt sich für eine Debatte um die Solidarische Ökonomie ein. Grüne/UG und ÖIE-Kärnten-Aktivist_innen hatten 2008 die GBW-Kärnten Jahrestagung zum Thema Solidarische Ökonomie maßgeblich mitorganisiert. Solidarische Ökonomie war beim Elevate Festival in Graz 2009 ein wichtiger Aspekt der Debatten. Der Pool an Aktivist_innen, die sich anlässlich des Kongresses zur Solidarischen Ökonomie in Wien 2009 organisiert haben, bildet weiterhin ein wichtiges Netzwerk. Attac Österreich organisiert gerade eine Reihe von Veranstaltungen, bei denen Solidarische Ökonomie im Zentrum steht.

Die Projekte und Ansätze sind vielfältig und vervielfältigen sich weiterhin. Von der Besetzung leerstehender Gebäude über die Gründung von Erzeuger_innen-Verbraucher_innen-Initiativen, der Erforschung der Voraussetzungen für Betriebsübernahmen durch die Belegschaften oder der Funktionsweise von Tauschkreisen, dem Aufbau von Gemeinschaftsgärten und einer solidarökonomischen Neubestimmung der durch Raiffeisen etc. zum Teil vollkommen degenerierten Genossenschaftsidee reichen die Aktivitäten.

In Kärnten werden sich Grüne/UG-Aktive weiter für Solidarische Ökonomie als Alternative zum Kapitalismus einsetzen. Die größte Hürde auf diesem Weg stellt das Beharrungsvermögen der alten Strukturen im Denken und Handeln dar. Nicht selten ist das neu erwachende Interesse für Solidarische Ökonomie deshalb eher noch ein folgenloses Lippenbekenntnis, während man sich vor Demokratisierung ud Selbstorganisation de facto scheut, keine konkreten Schritte unternimmt (worunter auch klare politische Ausrichtungen zu verstehen sind), es bei einem kleinen Aushängeschild belässt. Besonders deutlich ist dies nicht zuletzt im Rahmen der politischen Bildungsarbeit, die an vielen (nicht allen) politischen Funktionär_innen abprallt wie Regen an der Pelerine.

Das gilt es zu ändern, durch Druck von Außen und von Unten. Solidarische Ökonomie muss praktisch werden (wozu auch die Arbeit an ihren theoretischen Grundlagen gehört) und sich mit den Kämpfen von Arbeiter_innen, Angestellten und Erwerbslosen für ihre Rechte verbinden. Die größte Herausforderung jedoch ist mittelfristig, nicht-marktförmige, nicht-staatliche, das heißt solidarische und selbstorganisierte Beziehungen zwischen den solidarökonomischen Projekten zu entwickeln. Nur so können der Kapitalismus und seine Weltkrise wirklich zurückgedrängt und die Existenz der Solidarischen Ökonomie gesichert werden. Denn, so ein bundesdeuscher Spruch, der die Ursache für das Scheitern vieler isolierter bzw. marktabhängiger Alternativprojekte der 1970er und 1980er Jahre auf den Punkt bringt: „Allein machen sie den Projekt ein.“

Kein Kommentar am 5. Mai 2010

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